Internationales Übereinkommen zum Schutz aller Personen vor dem Verschwindenlassen

Verschwindenlassen” in der deutschen Geschichte

Im heuti­gen Deutsch­land sind keine Fälle des Ver­schwinden­lassens von Per­so­n­en bekan­nt. Aber dies war nicht immer so. Als ein­er der ersten weltweit reg­istri­erten Vor­fälle des Ver­schwinden­lassens gilt der soge­nan­nte “Nacht-und-Nebel-Erlass” zur Zeit der nation­al­sozial­is­tis­chen Herrschaft. Und auch in der sow­jetis­chen Besatzungszone und der frühen DDR sind entsprechende Fälle belegt.

Der “Nacht-und-Nebel-Erlass”

Erinnerungsplakette am SS-Sonderlager/KZ HinzertFoto: Cristoph Lange CC-BY-SA 3.0

Erin­nerungsplakette am ehe­ma­li­gen SS-Son­der­lager/KZ Hinz­ert
Foto: Cristoph Lange CC-BY-SA 3.0

Das Oberkom­mando der Wehrma­cht gab am 7. Dezem­ber 1941 den Erlass her­aus, wonach in allen von Deutsch­land beset­zten Gebi­eten gegen Zivilper­so­nen, die eines “Ver­brechens des Wider­stands gegen die deutsche Besatzungs­macht” beschuldigt wur­den, nur dann Gerichtsver­hand­lun­gen durchge­führt wer­den soll­ten, wenn ein Todesurteil zu erwarten sei. Im anderen Falle soll­ten sie der Geheimen Staat­spolizei (Gestapo) zum Trans­port nach Deutsch­land aus­geliefert wer­den. Dort wur­den sie von Son­derg­erichten häu­fig zum Tode verurteilt und vielfach hin­gerichtet oder in Konzen­tra­tionslager deportiert, ohne dass ihre Fam­i­lien von den Depor­ta­tio­nen und dem weit­eren Verbleib ihrer Ange­höri­gen erfuhren. Anlass für diesen men­schen­ver­ach­t­en­den Erlass war die Über­legung, dass hier­durch länger­dauernde öffentliche Prozesse in den beset­zten Län­dern, ins­beson­dere in Frankre­ich, ver­hin­dert wer­den kon­nten, um dem Geg­n­er keinen Ansatzpunkt für anti­deutsche Pro­pa­gan­da zu geben.

Diese geheime ” Richtlin­ien für die Ver­fol­gung von Straftat­en gegen das Reich oder die Besatzungs­macht in den beset­zten Gebi­eten” ist in der Neuzeit die wohl erste schriftlich fest­ge­hal­tene Anweisung an staatliche und mil­itärische Organe, die ein sys­tem­a­tis­ches staatlich­es Han­deln zum Ver­schwinden­lassen mißliebiger Per­so­n­en belegt. Ihr fie­len nach­weis­lich 6.639 Per­so­n­en aus Frankre­ich, Bel­gien, den Nieder­lan­den und Nor­we­gen zum Opfer, die des Wider­stands verdächtigt wor­den waren, in 340 Fällen wur­den Todesurteile aus­ge­sprochen und die Ver­schleppten hin­gerichtet.

Im dien­stlichen Sprachge­brauch des Reich­sjus­tizmin­is­teri­ums wur­den hier­für die Begrif­f­en “NN-Sache” und “NN-Häftling” ver­wen­det (NN = nul­lum nomen = namen­los).

Wur­den hier­für zunächst Son­derg­erichte in Kiel, Köln, Dort­mund und Berlin — später auch in Bres­lau, Hamm und Essen — ein­gerichtet, wur­den diese “Fälle” ab 1942 auch vor dem Volks­gericht­shof unter Auss­chluss jeglich­er Öffentlichkeit ver­han­delt. Herr dieser Ver­fahren waren nicht die Richter, son­dern der jew­eilige Staat­san­walt, der Ver­fahren ein­leit­en und aus­set­zen kon­nte und auch die (the­o­retisch mögliche) Bestel­lung eines Vertei­di­gers genehmi­gen musste. Let­zlich war der Prozess aber nur eine Farce, denn auch bei Freis­prüchen oder nach Ver­büßung ein­er gerin­gen Haft­strafe blieben die Betrof­fe­nen zur “Vernebelung” bis Kriegsende in Haft. Die Haft wurde zunächst in abgeschirmten Bere­ichen beste­hen­der Gefäng­nisse in Schle­sien vol­l­zo­gen, ab Sep­tem­ber 1944 begann die Ver­legung in die Konzen­tra­tionslager Hinz­ert, Natzweil­er und Groß-Rosen.

Die Häftlinge unter­la­gen ein­er voll­ständi­gen und aus­nahm­s­los durchge­set­zten Kon­tak­tsperre, selb­st bei Tod oder Hin­rich­tung erhiel­ten die Ange­höri­gen kein­er­lei Nachricht..

Verschwindenlassen in der Sowjetischen Besatzungszone

Die Prax­is des Ver­schwinden­lassens mißliebiger Per­so­n­en war mit der Kapit­u­la­tion Nazi-Deutsch­land 1945 noch nicht zu Ende. Auch für die Sow­jetis­che Besatzungszone ist die Exis­tenz von Spezial­lagern belegt, in denen Per­so­n­en isoliert wur­den und für die Öffentlichkeit wie auch für ihre eigene Fam­i­lie ver­schwan­den.

Opfer dieser stal­in­is­tis­chen Maß­nah­men wur­den nicht nur Bewohn­er der Sow­jetis­chen Besatzungszone, son­dern auch solche aus den West­sek­toren Berlins. Schätzun­gen sprechen von bis zu 150.000 Opfern, die in diesen Spezial­lagern ver­schwan­den.