Internationales Übereinkommen zum Schutz aller Personen vor dem Verschwindenlassen

Lateinamerika und die Desaparecidos

Sprach man in den let­zten Jahrzehn­ten vom “Ver­schwinden­lassen”, so dachte wohl jed­er­mann zunächst an die rund 350.00 dauer­haft ver­schwun­de­nen Desapere­ci­dos ins­beson­dere in Chile und Argen­tinien. Dies änderte sich im kollek­tiv­en Bewußt­sein erst mit dem im Beginn des 21. Jahrhun­dert ein­set­zen­den “Kampf gegen den Ter­ror”.

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In den 1970er Jahren kamen in den meis­ten lateinamerikanis­chen Län­dern – regelmäßig mit Unter­stützung der USA — Mil­itärdik­taturen an die Macht, die sich meist links­gerichteter, gewalt­tätiger Oppo­si­tions- und Unter­grund­be­we­gun­gen gegenüber sahen.

Im Kampf gegen diese Rebel­len­be­we­gun­gen schreck­ten die Mil­itär­jun­tas auch vor den Mit­teln des „Schmutzi­gen Krieges“ nicht zurück. Ins­beson­dere das heim­liche Ver­schwinden­lassen, Foltern und Ermor­den poli­tisch mißliebiger Per­so­n­en erschien den Mil­itär­jun­tas als pro­bates Mit­tel. Die herrschen­den Mil­itärs zeigten sich hier­bei nicht zim­per­lich. Allein die Tat­sache, dass jemand einen bere­its ver­schwun­de­nen Desa­pare­ci­do kan­nte oder ein Name in einem „verdächti­gen Zusam­men­hang“ auf­tauchte, reichte oft­mals aus, um von staatlichen oder qua­si-staatlichen Sicher­heit­skräften ver­haftet zu wer­den und endgültig zu „ver­schwinden“.

Die Opfer wur­den ohne gerichtlich­es Ver­fahren entführt,an geheim gehal­tene Orte ver­bracht und meist nach kurz­er Haft und Folter umge­bracht, ihre Leichen beseit­igt. Ent­führung und Ermor­dung erfol­gten regelmäßig streng geheim, auch die Ange­höri­gen wur­den nicht informiert, und die staatlichen Behör­den strit­ten jegliche Beteili­gung strikt ab.

Die Bilanz dieser Zeit der Mil­itärdik­taturen in Lateinameri­ka, ins­beson­dere in Argen­tinien, Brasilien, Chile, Paraguay, Peru, Guatemala, El Sal­vador und Uruguay, ist erschreck­end: Schätzun­gen gehen für die Zeit der lateinamerikanis­chen Mil­itärdik­taturen von 400.000 Gefan­genen, 50.000 Ermorde­ten und 350.000 dauer­haft „Ver­schwun­de­nen“ aus. Allein in Argen­tinien ver­schwan­den auf diese Weise zwis­chen 1976 und 1983 bis zu 30.000 Men­schen spur­los.

Strafrechtlich aufgear­beit­et wur­den diese Ver­brechen auch nach dem Über­gang der lateinamerikanis­chen Staat­en zur Demokratie in aller Regel nicht. Stattdessen bemüht­en sich die meis­ten Staat­en, durch Amnestiege­set­ze einen „Schlussstrich“ zu ziehen und eine strafrechtliche Ver­fol­gung der Täter zu ver­hin­dern. Erst in den let­zten zehn Jahren fand hier ein Umdenken statt. Seit­dem wur­den in den meis­ten betrof­fe­nen lateinamerikanis­chen Staat­en die Amnestiege­set­ze wieder rück­wirk­end aufge­hoben und eine Rei­he von Tätern – Ange­hörige der Mil­itär­ma­chthaber wie ein­fache Befehlsaus­führende – der strafrechtlichen Verurteilung zuge­führt.