Internationales Übereinkommen zum Schutz aller Personen vor dem Verschwindenlassen

Der Algerienkrieg und die Französische Doktrin

Nicht nur Deutsch­land hat seine dun­kle Stellen in der Geschichte des “Ver­schwinden­lassens”, auch unser Nach­bar Frankre­ich. Hier war es ins­beson­dere der Alge­rienkrieg, bei dem das Ver­schwinden­lassen von (ver­meintlichen) Kämpfern und Anhängern der algerischen Befreiungs­be­we­gung FLN zu den franzö­sis­chen Mit­teln des “Schmutzi­gen Krieges” gehörte.

Die französische Fremdenlegion bei einer Parade in Algerien 1958

Die franzö­sis­che Frem­den­le­gion bei ein­er Parade in Alge­rien 1958

Die erst­mals im Alge­rienkrieg angewen­dete „Franzö­sis­che Dok­trin“ beze­ich­net eine Samm­lung von Meth­o­d­en, die von den Sicher­heit­skräften – Polizei, Mil­itär und Geheim­di­en­ste — eines Staates zur sys­tem­a­tis­chen Bekämp­fung mil­i­tan­ter Wider­stands­grup­pen einge­set­zt wer­den.

Bestandteil der Franzö­sis­chen Dok­trin ist ins­beson­dere eine — regelmäßig geheim aus­ge­führte — massen­hafte ille­gale Ver­haf­tung verdächtiger Oppo­si­tioneller, ihre sys­tem­a­tis­che Folter und ihre Tötung – eben das „Ver­schwinden­lassen“ von Per­so­n­en.

Die franzö­sis­che Armee war mit dieser Tak­tik im Alge­rienkrieg gegen die Befreiungs­be­we­gung FLN zunächst äußerst erfol­gre­ich. Dies änderte sich jedoch, als dieses Vorge­hen Frankre­ichs im Alge­rienkrieg ins­beson­dere durch das mil­itärthe­o­retis­che Buch “La guerre mod­erne” (“Der mod­erne Krieg”) des franzö­sis­chen Offiziers Roger Trin­quier bekan­nt und belegt wurde. Das Buch Trin­quiers fand in der Mil­itärstrate­gie weite Beach­tung und gilt bis heute als ein mod­ernes Stan­dard­w­erk zur Bekämp­fung von Auf­ständis­chen in asym­metrischen Kon­flik­ten. In Frankre­ich selb­st sind diese Aspek­te des “Schmutzi­gen Krieges” — die Folter und das Ver­schwinden­lasse der FLN-Anhänger — bis heute immer noch tabuisiert.

Als bekan­nt wurde, dass Frankre­ich sich der­ar­tiger men­schen­rechtsver­let­zen­der Meth­o­d­en bedi­ente, war die algerische FLN fast voll­ständig geschla­gen. Gle­ich­wohl führten die auf­grund dieser Veröf­fentlichung ein­set­zen­den innen- und außen­poli­tis­chen Proteste zu ein­er solchen Schwächung Frankre­ichs, dass sich die franzö­sis­chen Trup­pen später kom­plett aus Alge­rien zurück zogen.

In der Fol­gezeit­fan­den die Prak­tiken der Franzö­sis­chen Dok­trin im Viet­namkrieg wieder Anwen­dung. Man hat­te erkan­nt, dass mehr noch als der Tod eines Ange­höri­gen die Unmöglichkeit für seine Ange­höri­gen, um ihn zu trauern, diese Ange­höri­gen psy­chisch ver­wund­bar machte. Von daher ver­stand man die Franzö­sis­che Dok­trin und das Ver­schwinden­lassen von Per­so­n­en nun als wirk­samen und effek­tiv­en Bestandteil der psy­chol­o­gis­chen Kriegs­führung.

Aber auch nach dem Ende des Viet­namkrieges war die Franzö­sis­che Dok­trin noch nicht Geschichte. In den 1970er erlebte sie eine Renais­sance in den lateinamerikanis­chen Mil­itärdik­taturen, ins­beson­dere in Argen­tinien und Chile. Und im 1991 aus­ge­broch­enen Algerischen Bürg­erkrieg erwies sich die sein­erzeit­ige algerische Regierung, die sich selb­st als in der Tra­di­tion der FLN ste­hend ansah, als treuer Lehrling der ehe­ma­li­gen Kolo­nial­her­ren und wandte nun­mehr die Prak­tiken der Franzö­sis­chen Dok­trin gegen die eigene auf­ständis­che Bevölkerung an. Im Jahr 2005 ent­zog sich der algerische Staat ein­er Aufar­beitung dieser Vorgänge, indem er für diese im Algerischen Bürg­erkrieg began­genen Ver­brechen eine Gen­er­alamnestie verkün­dete.